Medizin – Psychologie

Ruediger Dahlke: “Die Schulmedizin hat einen dramatischen Verbesserungs- und Erweiterungsbedarf”

Freyung. Die einen sagen, er sei ein Spinner. Die anderen sind von seinen Erkenntnissen überzeugt. Gemeint ist der gebürtige Berliner Ruediger Dahlke – der Arzt, der Psychotherapeut, der Autor. Seiner Meinung zufolge liegt der Grund für verschiedenste Krankheiten in einem negativen Erlebnis des Betroffenen. Im Interview mit dem Onlinemagazin “da Hog’n” spricht der 63-jährige Wahl-Österreicher über seine Theorien. Außerdem wirft er einen Blick auf die Schulmedizin, die “dringend verbesserungswürdig” sei und erklärt, wie man größere Erkrankungen schon im Vorhinein vermeiden kann..

Das gesamte Interview findest Du unter den folgenden Link:

http://www.hogn.de/2015/04/23/2-kultur-im-bayerischen-wald/3-grenznlos/ruediger-dahlke-homooepathie-psychotherapie-krankheit-als-symbol-freyung/66773

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Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht

 SWR2 MANUSKRIPT

ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE  SWR2 Aula 

Aspekte einer Psychopolitik

Von Byung-Chul Han

Sendung: Sonntag, 11. Januar 2015, 8.30 Uhr Redaktion: Ralf Caspary Produktion: SWR 2015

Ansage:

Mit dem Thema: „Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht – Aspekte einer Psychopolitik“. Wir wollen gesund, fit, schön und leistungsstark sein, wir wollen im Job weiter kommen und im Privatleben glücklich sein. Die Losung heißt nicht mehr: Sei Du selbst, akzeptiere Deine Grenzen und Schwächen, sondern: Werde immer besser! Die moderne konsumistisch-kapitalistische Gesellschaft basiert auf einem endlosen Perfektionierungsmuster, das psychische Gefahren mit sich bringt. Byung-Chul Han, geboren in Südkorea, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, beschreibt die Mechanismen der Selbstausbeutung in Zeiten des Neoliberalismus.

Byung-Chul Han:

Die psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout sind der Ausdruck einer tiefen Krise der Freiheit. Sie sind ein pathologisches Zeichen, dass heute die Freiheit vielfach in Zwang umschlägt. Wir wähnen uns heute frei zu sein. Aber in Wirklichkeit beuten wir uns leidenschaftlich aus, bis wir zusammenbrechen. Die perfide Leistungslogik zwingt mich, mich selbst zu überholen. Wenn ich etwas erreicht habe, will ich mehr erreichen. Also ich will mich selbst überholen. Aber es ist ja nicht möglich, sich selbst zu überholen. Diese absurde Leistungslogik führt am Ende zum Kollaps. Wir denken, wir verwirklichen uns, wir optimieren uns, aber in Wirklichkeit beuten wir uns aus. Wogegen könnten wir protestieren? Es gibt ja niemanden, der mich zur Arbeit zwingt. Ich beute mich ja aus freien Stücken aus.

Das Leistungssubjekt, das sich frei wähnt, ist in Wirklichkeit ein Knecht. Es ist insofern ein absoluter Knecht, als es ohne den Herrn sich freiwillig ausbeutet. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr die Disziplinargesellschaft, sondern eine Leistungsgesellschaft. Auch ihre Bewohner heißen nicht mehr „Gehorsamssubjekt“, sondern Leistungssubjekt. Sie sind Unternehmer ihrer selbst. Archaisch wirken inzwischen jene Mauern der Disziplinar-Anstalten, die die Räume des Normalen von denen des Anomalen abgrenzen. Heute werden Leistungsträger von den sogenannten Leistungsschwachen unterschieden. Der Neoliberalismus bringt es fertig, die Freiheit selbst auszubeuten. Die Leistungsgesellschaft bringt mehr Produktivität hervor als die Disziplinargesellschaft, weil sie von der Freiheit exzessiv Gebrauch macht. Ausgebeutet wird nicht gegen die Freiheit, sondern die Freiheit wird selbst ausgebeutet. Ausgebeutet wird nun alles, was zu Praktiken und Ausdrucksformen der Freiheit gehört wie Emotion, Spiel und Kommunikation. Es ist nicht effizient, jemanden gegen seinen Willen auszubeuten. Bei der Fremdausbeutung fällt die Ausbeute sehr gering aus. Erst die Selbstausbeutung als Ausbeutung der Freiheit erzeugt die größte Ausbeute. Die erste Stufe des Burnoutsyndroms ist paradoxerweise Euphorie. Mit Euphorie stürze ich mich in die Arbeit. Am Ende breche ich zusammen und gleite ich in die Depression.

In der Disziplinargesellschaft, in der man vor allem zu funktionieren hat, stellen Emotionen eher Störungen dar. So gilt es, sie auszumerzen. In der Disziplinargesellschaft hat man wie eine gefühllose Maschine zu funktionieren. Die Maschinen funktionieren ja am besten, wenn Emotionen oder Gefühle ganz ausgeschaltet sind. Die heutige Konjunktur der Emotion wird durch die neue immaterielle Produktionsweise bedingt, in der der kommunikativen Interaktion immer mehr Bedeutung zukommt. Gefragt ist nun nicht mehr nur kognitive, sondern auch emotionale Kompetenz. Aufgrund dieser Entwicklung wird die ganze Person in den Produktionsprozess verbaut. Nun wird das Soziale, die Kommunikation, ja die Person selbst ausgebeutet. Emotionen werden als „Rohstoff“ eingesetzt, um die Kommunikation zu optimieren. Auch in der Unternehmungsführung ist heute ein Paradigmenwechsel im Gange. Emotionen gewinnen immer mehr an Bedeutung. An die Stelle des rationalen Managements tritt das emotionale Management. Der heutige Manager verabschiedet sich vom Prinzip des rationalen Handelns. Er gleicht immer mehr einem Motivationstrainer. Die Motivation ist an die Emotion gebunden. Positive Emotionen werden kommunikative Ressourcen, also Nahrungen für die Motivationssteigerung. Die Empathie für den Anderen dient letzten Endes zu dessen effizienter Ausbeutung. Emotionen sind in dem Sinne performativ, dass sie bestimmte Handlungen evozieren. Sie stellen die energetische, ja sinnlich-körperliche Grundlage der Handlung dar. Emotionen werden vom limbischen System gesteuert, in dem auch die Triebe sitzen. Sie bilden eine präreflexive, halbbewusste, körperlich-triebhafte Ebene der Handlung, deren man sich häufig nicht eigens bewusst ist. Die neoliberale Psychopolitik bemächtigt sich der Emotionen, um Handlungen auf dieser unbewussten Ebene zu beeinflussen. Über Emotion greift die Psychopolitik tiefer in die Person ein. So stellt sie ein sehr effizientes Medium der psychopolitischen Steuerung der Person dar.

Um mehr Produktivität zu generieren, eignet sich der Kapitalismus der Emotion auch das Spiel an, das eigentlich das Andere der Arbeit wäre. Er gamifiziert die Lebens und Arbeitswelt. Das Spiel emotionalisiert, ja dramatisiert die Arbeit, bringt dadurch mehr Motivation hervor. Mit schnellem Erfolgserlebnis und Belohnungssystem generiert es mehr Leistung und Ausbeute. Der Spieler mit seinen Emotionen ist viel engagierter als ein rational handelnder oder bloß funktionierender Arbeiter. Die Gamifizierung der Arbeit beutet den homo ludens, den spielenden Mensch aus. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man spielt. Mit der Gratifikationslogik von „Likes“, „Friends“ oder „Follower“ wird heute auch die soziale Kommunikation bereits einem Gamemodus unterworfen. Die Gamifizierung der Kommunikation geht mit deren Kommerzialisierung einher. Sie zerstört dadurch die menschliche Kommunikation.

Ineffizient ist jene disziplinarische Macht, die mit einem großen Kraftaufwand Menschen gewaltsam zur Arbeit zwingt. Wesentlich effizienter ist die Machttechnik, die dafür sorgt, dass sich Menschen von sich aus dem Herrschaftszusammenhang unterordnen. Sie will aktivieren, motivieren, optimieren und nicht hemmen oder unterdrücken. Ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt. Das neoliberale Subjekt als Unternehmer seiner selbst ist nicht fähig zu Beziehungen zu anderen, die frei vom Zweck wären. Zwischen Unternehmern entsteht auch keine zweckfreie Freundschaft. Frei-sein bedeutet aber ursprünglich bei Freunden sein. Freiheit und Freund haben im Indogermanischen dieselbe Wurzel. Die Freiheit ist im Grunde ein Beziehungswort. Man fühlt sich wirklich frei erst in einer gelingenden Beziehung, in einem beglückenden Zusammensein mit den anderen. Die totale Vereinzelung, zu der das neoliberale Regime führt, macht uns nicht wirklich frei. So stellt sich heute die Frage, ob wir die Freiheit nicht neu definieren, neu erfinden müssen, um der verhängnisvollen Dialektik der Freiheit, die diese in Zwang umschlagen lässt, zu entkommen.

Interessanterweise definiert Marx die Freiheit vom gelingenden Verhältnis zum Anderen her. Erst in der Gemeinschaft [mit Anderen hat jedes] Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich. Frei sein heißt demnach nichts anderes als sich miteinander realisieren. Die Freiheit ist ein Synonym für die gelingende Gemeinschaft. Die individuelle Freiheit stellt für Marx eine List, eine Tücke des Kapitals dar. Das Kapital vermehrt sich mit Hilfe der individuellen Freiheit. Während man miteinander frei konkurriert, pflanzt sich das Kapital fort. Die individuelle Freiheit ist insofern eine Knechtschaft, als sie vom Kapital zu seiner eigenen Vermehrung vereinnahmt wird. Das Kapital beutet also die Freiheit des Individuums aus, um sich fortzupflanzen. Somit wird das freie Individuum zum Geschlechtsteil des Kapitals degradiert. Die individuelle Freiheit, die heute eine exzessive Form annimmt, ist letzten Endes nichts anderes als der Exzess des Kapitals selbst.

Die Logik der Ausbeutung der Freiheit gilt heute auch für die Überwachung. Heute gibt es niemanden, der mir gegen meinen Willen Informationen entreißt, denn wir entblößen uns freiwillig, wir geben Daten über uns freiwillig preis. Wir leuchten uns freiwillig aus wie wir uns freiwillig ausbeuten. In den 80er-Jahren hat man heftigst gegen die Volkszählung protestiert. Sogar die Schüler gingen auf die Barrikaden. Aus heutiger Sicht wirken die notwendigen Angaben wie Beruf, Schulabschluss oder Entfernung zum Arbeitsplatz fast lächerlich. Es war eine Zeit, in der man glaubte, dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüberzustehen, der den Bürgern gegen deren Willen Informationen entreißt. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute entblößen wir uns aus freien Stücken. Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht. Im Gegensatz zur Zeit der Volkszählung protestieren wir kaum gegen die Überwachung. Freie Selbstausleuchtung und -entblößung folgt derselben Effizienzlogik wie die freie  Selbstausbeutung. Die gefühlte Freiheit macht sowohl die Selbstausbeutung als auch die Selbstausleuchtung effizienter als die Fremdausbeutung und Fremdausleuchtung.

Orwells Überwachungsstaat mit Teleschirmen und Folterkammern unterscheidet sich grundsätzlich vom digitalen Panoptikum mit Internet, Smartphone und Google Glass, das vom Schein grenzenloser Freiheit und Kommunikation beherrscht ist. Hier wird nicht gefoltert, sondern gepostet und getwittert. Die Überwachung, die mit der Freiheit zusammenfällt, ist wesentlich effizienter als jene Überwachung, die gegen die Freiheit gerichtet ist. Die heutige Kontrollgesellschaft weist eine besondere panoptische Struktur auf. Nicht die Einsamkeit durch Isolierung, sondern die Hyperkommunikation garantiert die Transparenz. Die Besonderheit des digitalen Panoptikums ist vor allem, dass seine Bewohner selbst an seinem Bau und an seiner Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich selbst zur Schau stellen und sich entblößen. Die pornografische Zurschaustellung und die panoptische Kontrolle fallen in eins. Der Exhibitionismus und Voyeurismus speist das Netz als digitales Panoptikum. Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihr Subjekt nicht durch einen äußeren Zwang, sondern aus selbstgeneriertem Bedürfnis heraus sich entblößt, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen.

Google und soziale Netzwerke, die sich als Räume der Freiheit präsentieren, sind gleichzeitig digitale Panoptiken. Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Man liefert sich vielmehr freiwillig dem panoptischen Blick aus. Man baut geflissentlich mit am digitalen Panoptikum, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse des digitalen Panoptikums ist also Opfer und Täter zugleich. Darin besteht die Dialektik der Freiheit. Die Freiheit erweist sich als Kontrolle. Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Ihm bleibt der Herrschaftszusammenhang ganz verborgen. So wähnt er sich in Freiheit. Die Disziplinarmacht weicht einer smarten Macht mit freiheitlichem, ja freundlichem Aussehen, die anregt oder verführt und nicht androht oder verordnet. Im Gegensatz zur Disziplinarmacht, die repressiv (unterdrückend) und inhibitiv (verbietend) ist, ist die smarte Macht seduktiv (verführend) und permissiv (erlaubend). Die smarte Macht liest und wertet unsere bewussten und unbewussten Gedanken aus. Sie setzt auf freiwillige Selbstorganisation und Selbstoptimierung. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. So braucht sie keinen Widerstand zu brechen.

Diese smarte, freundliche Macht operiert nicht frontal gegen den Willen der unterworfenen Subjekte, sondern steuert deren Willen zu ihren Gunsten. Sie ist eher ja-sagend als nein-sagend, eher seduktiv als repressiv. Sie ist bemüht, positive Emotionen hervorzurufen und sie auszubeuten. Sie verführt, statt zu verbieten. Statt sich uns entgegenzusetzen, kommt sie uns entgegen. Diese freundliche Macht ist mächtiger als die repressive Macht. Die heutige Krise der Freiheit besteht darin, dass wir es mit einer Machtform zu tun haben, die die Freiheit nicht negiert oder unterdrückt, sondern sie ausbeutet. Der Like-Button ist ihr Signum. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man konsumiert und kommuniziert, ja während man Like-Button klickt. Der Neoliberalimus ist der Kapitalismus des Gefällt-mir. Wir steuern heute dem Zeitalter digitaler Psychopolitik zu. Sie schreitet von passiver Überwachung zu aktiver Steuerung fort. So stürzt sie uns in eine weitere Krise der Freiheit. Betroffen ist der freie Wille selbst. Big Data ist ein sehr effizientes psychopolitisches Instrument, das es erlaubt, ein umfassendes Wissen über das individuelle und kollektive Verhalten zu erlangen. Dieses Wissen ist ein Herrschaftswissen, das es möglich macht, in die Psyche einzugreifen und sie auf einer unbewussten Ebene zu beeinflussen. Der renommierte US-Informatiker Alex Pentland bemerkt, dass Big Data heute für die Erkundung des Sozialverhaltens das sei, was das Mikroskop für die Erkundungen der Bakterien war. Das von Big Data generierte Wissen mache, so seine grandiose Naivität, unsere Gesellschaft besser. Er erkennt offenbar die Unheimlichkeit der Analogie zwischen Big Data und Mikroskop nicht. Dieser Analogie zufolge macht Big Data uns zu Bakterien, die gesteuert und manipuliert werden können für die Herrschaft.

Die Offenheit der Zukunft ist konstitutiv für die Freiheit der Handlung. Big Data macht aber Prognosen des menschlichen Verhaltens möglich. Die Zukunft wird dadurch berechenbar und steuerbar. Die digitale Psychopolitik verwandelt die Negativität der freien Entscheidung in die Positivität des Sachverhaltes. Die Person selbst positivisiert sich zur Sache, die quantifizierbar, messbar und steuerbar ist. Frei ist aber keine Sache. Die Sache ist allerdings transparenter als die Person. Big Data kündigt das Ende der Person und des freien Willens an.

Entscheidungen, die wir im Gefühl, frei zu sein, treffen, werden bald ganz manipuliert sein. Die digitale Kontrolle verlagert sich heute von bloßer Überwachung zu aktiver Steuerung der Masse. Diese digitale Psychopolitik ist heute im vollen Gange. Big Data macht womöglich unsere Wünsche lesbar, deren wir uns nicht eigens bewusst sind. Jedes Dispositiv, also jede Herrschaft bringt eigene Devotionalien hervor, die zur Unterwerfung eingesetzt werden. Sie materialisieren und stabilisieren die Herrschaft. Devot heißt unterwürfig. Das Smartphone ist eine digitale Devotionalie, ja die Devotionalie des Digitalen überhaupt. Subjekt heißt ursprünglich Unterworfen-sein. Als Subjektivierungsapparat fungiert das Smartphone wie der Rosenkranz, der in seiner Handlichkeit auch eine Art Handy darstellt. Sie dienen beide zur Selbstüberwachung und Selbstkontrolle. Die Herrschaft steigert ihre Effizienz, indem sie die Überwachung an jeden einzelnen delegiert. Like ist digitales Amen. Während wir Like klicken, unterwerfen wir uns dem Herrschaftszusammenhang. Das Smartphone ist nicht nur ein effektiver Überwachungsapparat, sondern auch ein mobiler Beichtstuhl. Beichten war eine sehr effektive Herrschaftstechnik. Wir offenbaren unsere Seele bis in den verborgensten Winkel hinein. Wir leben heute in einem digitalisierten Mittelalter. Wir beichten weiter und zwar freiwillig. Dabei bitten wir nicht um Vergebung, sondern um Aufmerksamkeit. Es ist nun nicht die Kirche, sondern Geheimdienst und Markt, die uns Gehör schenken. Wir leben in einer digitalen Leibeigenschaft. Die neuen Lehnherren heißen Facebook oder Google. Sie geben uns kostenlos Land zur Verfügung und sagen uns: Beackert es fleißig. Wir beackern es wie verrückt, indem wir kommunizieren, teilen, unser Leben erzählen, die Timeline füllen. Danach kommen die Lehnherren und holen die Ernte. Und wir merken nicht einmal, daß wir ausgebeutet werden. Gegen diese digitale Ausbeutung schlägt der Internetpionier Jaron Lanier vor, ein universales System der Mikrozahlung aufzubauen, das uns für jede von Großkonzernen genutzte, von uns generierte Information belohnt. Es soll die verlorengegangene Machtsymmetrie wieder hergestellt werden. Wir liefern unsere Daten nicht mehr als kostenlosen Rohstoff an die Großkonzerne. Vielmehr werden wir bezahlt für Daten und Informationen, die wir generieren. Jaron Lanier glaubt, dadurch jene Mittelschicht retten zu können, die durch die zunehmende digitale Automatisierung der Produktionsverhältnisse in ihrer Existenz bedroht sei. Jaron Laniers abstruse Idee der Mikrozahlung führt, wenn überhaupt, zu einer totalen Ökonomisierung des Lebens. Wir werden dann in einer Welt leben, die schlimmer ist als die heutige. Es gäbe dann nichts, das sich der Logik des Geldes entzöge. Dieses System der Mikrozahlung stellt weder unsere Freiheit noch unsere Souveränität wieder her, die bedroht ist. Die Idee der Mikrozahlung lässt vielmehr das digitale Panopikum und den Markt in eins fallen. Dann wird im digitalen Panoptikum über die Überwachung hinaus gutes Geschäft gemacht zu gegenseitiger Zufriedenheit. Wir können den heutigen Neoliberalismus nicht marxistisch erklären. In ihm findet nicht einmal die berühmte „Entfremdung“ von der Arbeit statt. Heute stürzen wir uns mit Euphorie in die Arbeit bis zum Burnout. Die erste Stufe des Burnout-Syndroms ist paradoxerweise die Euphorie. Eine Selbstaggression zeichnet den Depressiven aus. Die Depressiven bringen sich selbst häufig um. So wendet man Gewalt gegen sich selbst an. Die Aggression nach außen, die einen Protest, eine Revolution zur Folge hätte, weicht einer Selbstaggression. Wer scheitert, beschuldigt nur sich selbst, schämt sich selbst, statt die Gesellschaft in Frage zu stellen. Warum ist das neoliberale System so stabil? Warum gibt es so wenig Widerstände dagegen? Warum werden sie alle so schnell ins Leere geführt? Warum ist heute keine Revolution mehr möglich trotz immer größer werdender Schere zwischen Reichen und Armen?

Die Macht der Disziplinar- und Industriegesellschaft hat eine repressive Form. Fabrikarbeiter wurden durch Fabrikeigentümer brutal ausgebeutet. So führte die gewaltsame Fremd-Ausbeutung der Fabrikarbeiter zu Protesten und Widerständen. Möglich wäre dort eine Revolution, die das herrschende Produktions- und Eigentumsverhältnis umstürzen und eine kommunistische Gesellschaft errichten würde. In diesem repressiven System sind sowohl die Unterdrückung als auch die Unterdrücker sichtbar. Es gibt ein konkretes Gegenüber, einen sichtbaren Feind, gegen den sich der Widerstand richten kann. Das neoliberale Herrschaftssystem ist ganz anders strukturiert. Hier ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv. Daher ist sie nicht mehr so sichtbar wie in dem disziplinarischen Regime. Die Macht und Herrschaft gibt sich als Freiheit und macht sich unsichtbar und unangreifbar. Hier gibt es kein konkretes Gegenüber mehr, keinen sichtbaren Feind, der die Freiheit unterdrückt und gegen den ein Widerstand möglich wäre. Früher standen Unternehmen miteinander in Konkurrenz. Innerhalb eines Unternehmens war dagegen eine Solidarität möglich. Heute konkurriert jeder mit jedem, auch innerhalb eines Unternehmens. Diese absolute Konkurrenz erhöht zwar die Produktivität, aber sie zerstört die Solidarität, indem sie jeden von uns vereinzelt. Diese Vereinzelung lässt keine Protest- und Revolutionsmasse aufkommen. Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen.

Wie steht es heute mit dem Kommunismus? Überall wird heute Sharing und Community beschworen. Die Ökonomie der Sharing soll die Ökonomie des Eigentums und des Besitzes ablösen. „Sharing is Caring“, „Teilen ist Heilen“, so heißt eine Maxime der „Circler“ im neuen Roman von Dave Eggers „The Circle“. Die Pflastersteine, die den Fußweg zur Firmenzentrale von Circle bilden, sind durchsetzt mit Sprüchen wie „Sucht Gemeinschaft“ oder „Bringt euch ein“. Caring is Killing, so sollte es aber eigentlich heißen. Auch die digitale Mitfahrzentrale „Wunder Car“, die jeden von uns zum Taxi-Fahrer macht, wirbt mit der Idee der Community. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Ökonomie der Sharing, wie Jeremy Rifkin in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ behauptet, ein Ende des Kapitalismus, eine globale, gemeinschaftlich orientierte Gesellschaft hervorbringt, in der Teilen mehr Wert hätte als Besitzen. Im Gegenteil: Die Ökonomie der Sharing führt letzen Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens. Der von Jeremy Rifkin gefeierte Wechsel vom Besitz zum „Zugang“ befreit uns nicht vom Kapitalismus. Wer kein Geld besitzt, hat auch keinen Zugang, auch nicht einmal Zugang zu diversen Sharing-Diensten. Auch im Zeitalter des Zugangs leben wir weiterhin im sogenanten „Bannoptikum“, in dem diejenigen, die kein Geld haben, ausgeschlossen bleiben. „Airbnb“, der Community Marktplatz, der jedes Zuhause in ein Hotel verwandelt, ökonomisiert sogar die Gastfreundschaft. Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten. Auch mitten in der kollaborativen Ökonomie herrscht die harte Logik des Kapitalismus. Bei diesem schönen „Teilen“ gibt paradoxerweise niemand etwas freiwillig ab. Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft.

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Byung-Chul Han studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg und München. 1994 Promotion in Freiburg, 2000 Habilitation an der Universität Basel. Bis 2010 Privatdozent an der Universität Basel, danach Wechsel an die Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2012 ist Byung-Chul Han Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft ab der Universität der Künste Berlin.

Bücher (Auswahl):

– Psychopolitik – Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer-Verlag. 2014.

– Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns. Gedanken zur

Krise der Demokratie. Verlag Matthes & Seitz. 2013.

– Transparenzgesellschaft. Verlag Matthes & Seitz. 2012.

Internetseite:

www.byungchulhan.de

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